Die Redensart „Lila, der letzte Versuch“ hält sich seit den 1970ern hartnäckig. Sie wurde von Patriarchen geprägt, die diesen Spruch abfällig über Frauen äußerten, die nicht mehr ganz jung sind und angeblich zu einer auffälligen Farbe greifen, um doch noch die Männerwelt auf sich aufmerksam zu machen.
Ausgerechnet in der Dekade, in der Feministinnen Lila zur Protestfarbe der Frauenbewegung machten, kursierte im selben Land derselbe Farbton in dieser ganz anderen, abschätzigen Rolle.
Es sind zugleich zwei Deutungen in einem Jahrzehnt und dieselbe Farbe: einmal von Frauen selbst gewählt, um sichtbar zu werden und ein Signal zu setzen, beim anderen von außen aufgedrückt, um eben die Sichtbarkeit der Frauen ins Lächerliche zu ziehen.
Die Antwort auf die Titelfrage ist ein klares NEIN.
Die Frage lohnt sich trotzdem, weil sie ein Muster freilegt, das weit über die Farbe hinausreicht. Sobald eine Frau jenseits der reproduktiven Jahre etwas trägt, sagt oder fordert, das auffällt, steht die Deutung als Verzweiflung, als Kompensation, als letzter Versuch bereit, noch bevor die Frau selbst zu Wort kommt. /Polemik on/ An dieser Stelle mal ein dickes Danke an das Patriachat. /Polemik off/.
Rituale zum Abschied und zum Neubeginn
Hier im deutschsprachigen Raum leben wir noch immer hinter dem Mond, wenn es darum geht, Übergangsrituale zu feiern und damit die Frau in ihrem Lebensalter zu ehren.
Rituale für die erste Menstruation werden langsam häufiger, für den Abschluss der körperlichen Fruchtbarkeit fehlen die Rituale.
Der medizinischer Begriff „Wechseljahre“ hinterläßt uns irgendwie einen unterschwelligen Verdacht, das Wechseln selbst sei das Problem.
Wie wäre also ein Fest?
Ein Fest, ganz bewusst in der Farbe Lila. Den Begriff Lila Fest verwendet unter anderem die österreichische Frauenforscherin Dr. Gabriele Pröll, die selbst seit vielen Jahren TFM-Therapeutin ist, in ihren Wechseljahre-Seminaren. Sie feiert mit den Teilnehmerinnen eine mehrtägige Übergangszeremonie. Ihr methodischer Zugang, mit körperorientierten Visualisierungen und Innenschau-Arbeit, unterscheidet sich hier zwar deutlich von dem der TFM, wo die Visualisierung ja das Werkzeug der Behandlerin ist und nicht der Klientin als Übung angeleitet wird.
Die Grundidee hinter dem Lila Fest ist – auch unabhängig von einzelnen Methoden – tragfähig:
Die Menopause verdient Momentum! Sie bekommt dadurch etwas, das sie „offiziell macht“, damit die körperliche Fruchtbarkeit der Frau nicht einfach, still und leise vorbei ist, sondern ganz bewusst als Start in eine neue Frauen-Ära gewürdigt wird.
Warum ausgerechnet Lila?
Die Farbwahl ist naheliegend. In der Botanik ist Lila die Farbe der späten Blüte: Herbstzeitlose öffnen sich, wenn der Frühling längst vorbei ist. Ganz ohne dass ihnen durch ihr spätes Blühen die Vollständigkeit genommen würde. Im kirchlichen wie juristischen Kontext verleiht die Farbe Lila dem Träger Würde und Urteilskraft: Wer Lila trägt, hat traditionell etwas zu sagen, das gehört werden soll.
Ein Lila Fest setzt sich ganz bewusst über die abschätzige Lesart hinweg, die der alte Spruch transportiert. Es beansprucht vielleicht gleiche Farbe und auch Sichtbarkeit, aber ohne die Rechtfertigung, die der Spruch stillschweigend einfordert.
Es handelt sich nicht um eine Frau, die noch einen letzten Versuch unternimmt, sondern eine Frau, die einen Übergang markiert, den sie nicht bemänteln muss.
Diese Haltung wünsche ich mir für die Telokrise, schließlich hat sie als rund dreißigjährige Phase zwischen letzter Blutung und Senium vieles zu bieten. Die Menopause ist erst der Anfang, medizinisch klar definiert ist, aber sozial fast nie begangen wird.
Ein Termin – ein Fest!
In der Praxis sehe ich Frauen, die im Nachhinein den Tag markieren, an dem formal ein Jahr ohne Blutung vergangen ist und die Menopause damit feststeht. Andere Patientinnen wählen, unabhängig vom Hormonstatus, einen symbolischen Zeitpunkt.
Beide Varianten sind stimmig, solange die Frau selbst entscheidet, wann ihr Übergang beginnt.
Ebenso einfach gelingt es auch, ein Fest zu feiern: ein bewusst gewählter Zeitpunkt, ein kleiner Kreis von Frauen, eine Farbe, und der besondere Moment des Aussprechens.
Ein Lila Fest ersetzt keine Begleitung bei Beschwerden, die in dieser Phase real und teilweise als erheblich empfunden werden können. Es ist kein therapeutisches Angebot, sondern ein soziales.
Gerade deshalb halte ich es für wichtig: Wo Medizin zu Recht auf Symptome schaut, bleibt der Übergang selbst oft unbenannt. Ein Fest kann diese Lücke schließen: Die Frau als Hauptakteurin, die damit ihrem Umfeld signalisiert, dass etwas Neues beginnt, in einer Farbe, die man(n) ihr einst madig machen wollte, und die sie sich zurückgeholt hat.
(Der “letzte” Versuch war nie ihrer. Er war der Versuch der anderen, ihre Sichtbarkeit klein zu reden.)



