Selbststudium klingt nach Freiheit. Du selbst bestimmst das Lerntempo, du wählst den Ort, du entscheidest, wann du dich mit einem speziellen Thema verbindest. Diese Freiheit ist ein Geschenk, das allerdings mit stillen Bedingungen einhergeht: Wer sich selbst unterrichtet, muss sich auch selbst den Rahmen geben:
- eine verabredete Zeit
- eine vorbereitete Umgebung
- eine Atmosphäre, in der Aufnehmen überhaupt möglich wird.
Lernen ist, anders als landläufig angenommen, kein rein kognitiver Vorgang, denn der Körper lernt immer mit.
Inhalte werden von einem nervösen Kopf, der nebenbei noch die Einkaufsliste sortiert und auf das nächste Klingeln des Telefons wartet, anders aufgenommen als von einem geordneten und zur Ruhe gekommenen System. In Anspannung verengt sich gleichzeitig auch die Wahrnehmung; wir überfliegen, statt zu lesen, wir sammeln Informationen, statt sie zu reflektieren und zu verstehen. In Entspannung weitet sich der Blick. Zusammenhänge, die eben noch nebeneinanderstanden, beginnen sich zu verbinden und ineinander zu verweben. Wer schon einmal erlebt hat, wie ein Gedanke sich erst beim Spaziergang danach ordnet, kennt dieses Prinzip aus eigener Erfahrung.
Der vorbereitete Raum: Raum geben und Raum einnehmen
Vorbereitung ist zuerst einmal etwas sehr Praktisches. Ein Tisch, auf dem nur das liegt, was zu deinem Lernen gehört: Die Unterlagen griffbereit, das Glas Wasser gefüllt, das Handy in einem anderen Zimmer. Eine Zeitspanne, die du dir selbst zusagst wie einen Termin mit einer geschätzten Kollegin: verbindlich, ungestört, mit klarem Anfang und klarem Ende. Diese „äußere Ordnung” signalisiert dem Organismus, dass jetzt nichts anderes ansteht, und eben dieses Signal öffnet die Tür zum konzentrierten Aufnehmen der Sachverhalte. Ebenso gehört die innere Vorbereitung immer mit dazu. Ein paar ruhige Atemzüge, bevor du beginnst. Ein kurzer Moment, in dem du bei dir selbst ankommst. So, wie du auch eine Klientin erst ankommen lässt, bevor die Behandlung beginnt. Was wir unseren Klientinnen selbstverständlich zugestehen, dürfen wir uns selbst nicht verweigern.
Lernort Bildschirm: entspannt online lernen
Online-Lernen bringt gerne eine ganz eigene Versuchung mit sich: Wo Inhalte jederzeit verfügbar sind, erscheint der Rahmen verzichtbar; ein Video lässt sich schließlich auch auf dem Sofa ansehen, zwischen zwei Nachrichten, mit halbem Ohr.
Genau darin liegt eine gefährliche Falle. Der Bildschirm, über den du lernst, ist derselbe, über den du arbeitest, einkaufst und Nachrichten liest; dein System unterscheidet nicht von allein, in welchem Modus es sich gerade befinden soll.
Umso wichtiger wird eine von dir bewusst gesetzte Schwelle:
- Schließe alle anderen Fenster und Programme
- Schalte Benachrichtigungen auf stumm
- Lass’ das Video im Vollbild anzeigen, um jedes kleine Detail gut wahrzunehmen
Wenn du kannst, solltest du dem Online-Lernen sogar einen eigenen Platz schenken, der sich vom gewohnten Arbeitsplatz unterscheidet.
Halte Papier und Stift bereit: eigene handschriftliche Notizen entschleunigen auf heilsame Weise und holen das Gelernte aus dem Bildschirm heraus, um es in deine eigene Bewegung zu übersetzen.
Auch Pausieren gehört zur Vorbereitung.
Eine Videosequenz verführt gerne dazu, sie einfach weiterlaufen zu lassen; entscheide stattdessen bewusst, wann du anhältst, um die Grifffolge nachzuvollziehen oder einen Gedanken, der dir spontan kommt, zu Ende zu denken.
Es ist nicht das Medium, das dir das Tempo vorgibt, sondern DU bist die Chefin und triffst ganz bewusst die Entscheidungen.
Kenne deinen Lernzugang
Zur Vorbereitung gehört auch, dich selbst in deiner Rolle als Lernende zu kennen.
Manche Menschen erfassen einen Sachverhalt am schnellsten, wenn sie ihn lesen und mit eigenen Worten zusammenfassen. Andere brauchen das gesprochene Wort, wieder andere be-greifen im wörtlichen Sinn: Erst wenn die Hände die Bewegung ausgeführt haben, dann sitzt auch der Inhalt.
Die meisten von uns sind, was das Lernen anbelangt, Mischformen. Je nach Thema verschieben sich die Anteile des Lernkanals.
Wer die eigenen Zugänge zum Lernen kennt, kann sein individuelles Selbststudium also danach ausrichten, statt gegen die eigene Lernnatur anzulernen und mit dem Stoff zu kämpfen:
Vielleicht liest du zuerst ein Kapitel durch und siehst dir erst dann das dazugehörige Video an. Es kann aber auch sein, dass es bei dir genau umgekehrt ist. Vielleicht liest du Passagen, die dir komplexer erscheinen, selbst auch laut vor, mag sein, dass du dir die wichtigsten Infos handschriftlich noch einmal notieren musst, um den Kern der Sache zu umreißen.
Du kannst, wenn du herausfinden möchtest, welcher Zugang dir am meisten entspricht, diesen kleinen TFM-Lerntest machen. Er dauert nur wenige Minuten und gibt dir eine erste Orientierung für deinen Zugang zum Erlernen der Therapeutischen Frauen-Massage.
TFM im Selbststudium
Beim praktischen Erarbeiten des Lernstoffes lernst du „Hands-on”, also mit den Händen.
Wusstest du, dass deine Hände während einer Behandlung auch deinen eigenen Zustand in sich tragen?
Eine Grifffolge, die du in Eile und mit verspannten Schultern einübst, speichert diese Eile mit ab. Dieselbe Grifffolge, in Ruhe und mit Aufmerksamkeit erarbeitet, prägt sich ganz anders ein: als Bewegung, die du von innen heraus verstehst, nicht nur nachgeahmt.
Du wirst lernen und erfahren, dass die TFM dein Gegenüber auf struktureller, vegetativer und energetischer Ebene berührt. Wer sie erlernt, erfährt am eigenen Leib und im eigenen System, dass der vegetative Zustand der Lernenden Teil des Lernens selbst ist.
Quetsche das Selbststudium nicht spontan in die Reste eines Tages, sondern vereinbare einen konkreten Termin mit dir selbst. Ein ruhiger Vormittag pro Woche führt dich weiter zum Ziel als fünf irgendwie noch abgezwackte Viertelstunden.
Die Qualität der Aufmerksamkeit schlägt immer die Quantität der Minuten.
Wenn du also bei deiner nächsten Lerneinheit deine Unterlagen oder deinen Rechner aufschlägst, nimm dir vorher fünf Minuten für deinen inneren und äußeren Lernrahmen. Räume den Tisch frei, schließe die Tür, atme einmal tief durch.


