Was ein Lindenblatt mit dem emotionalen Herzpunkt zu tun hat?
Das Nibelungenlied gibt uns darüber Aufschluss:
Siegfried, der stolze und schöne Held, besiegt den obligatorischen Drachen und badet in dessen Blut, was ihn damit unverwundbar werden lässt. Allerdings mogelt sich ein kleines Lindenblatt zwischen die Schulterblätter und lässt damit eine einzige Stelle ungeschützt.
Möglicherweise verdeckt das Lindenblatt sein emotionales Herz: denn verwundbar bleibt dieser strahlende, gerechte und liebevolle Held allein dort, wo Nähe und Vertrauen ihn treffen können.
Kriemhild, seine Holde, ist so in ihn verknallt, dass sie diese Stelle arglos an Hagen verrät, Siegfrieds Widersacher. Der macht ihm daraufhin den Garaus, indem er seinen Speer genau in diese eine Stelle wirft.
Soweit die Schnellversion der Sage.
Bemerkenswert daran ist nicht nur, was sie seit alters her erzählt, sondern wo sie diese kleine, verwundbare Stelle platziert: Die Stelle zwischen den Schulterblättern kann kein Mensch selbst sehen, nur wer gelenkig ist, erreicht sie mit der eigenen Hand. Die Industrie hat darauf reagiert und verkauft Rückenkratzer. Für den Hausgebrauch tut es auch eine Gabel oder ein Essstäbchen.
Wer die Stelle kennt, dem wurde sie anvertraut, d.h. die Verwundbarkeit des Helden liegt genau dort, wo er auf andere angewiesen ist.
Das Lindenblatt wird also irgendwie zum heimlichen Hauptakteur und es gibt eine anatomische Pointe, die das Mittelalter vermutlich nie beabsichtigt hat, aber sie trifft verblüffend genau zu.
Beobachtungen
Joseph B. Stephenson, der Begründer des Creative Healing, hat auf der Höhe des linken Schulterblattes einen Punkt gesehen, der in der Creative Healing Literatur als sechster Herzpunkt oder auch als emotionaler Herzpunkt bezeichnet wird.
Wenn wir die Stelle einmal ganz bewußt wahrnehmen, ist sie der Punkt, der „juckt“, wenn Menschen innerlich angespannt sind. Diese Anspannung ist hier wohlgemerkt ohne Wertung zu sehen, denn der Körper unterscheidet zunächst nicht zwischen belastender und freudiger Erregung; auch am glücklichsten Tag des Lebens kann es dort jucken. Der besondere Punkt registriert das Erregungsniveau: Hochzeitstag und Kündigungsgespräch sprechen vegetativ zunächst dieselbe Sprache.
In der alltäglichen Praxis zeigt sich diese Beobachtung immer wieder. Bei sehr angespannten Patientinnen finden sich an dieser Stelle nicht selten Kratzspuren, manchmal sogar winzige Vernarbungen. Es wurde über Monate, mitunter über Jahre gekratzt, ohne dass die Betroffenen hätten benennen können oder auch nur bemerkt, was genau sich dort meldet.
Die Spuren auf der Haut dokumentieren hier, was das Bewusstsein der Patientin noch nicht formulieren konnte.
Die Bedeutung für unsere TFM-Behandlung
Für uns als TFM-Behandlerinnen ist der emotionale Herzpunkt zunächst eine Einladung zum genaueren Hinschauen; der Blick auf den oberen Rücken gehört ohnehin zur Befunderhebung und wird während der eröffnenden Lymphatischen Grund-Behandlung bereits behandelt. Die Region um das linke Schulterblatt verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Kratzspuren an dieser Stelle erzählen vielleicht etwas, das im Anamnesegespräch eventuell keinen Platz gefunden hat.
Kratzspuren und kleine Vernarbungen sind jetzt nicht zwangsläufig ein Diagnoseinstrument, sie können uns aber dennoch als Hinweis dienlich sein, um behutsam nachzufragen: “Juckt es dich dort manchmal?“
Die Praxis-Erfahrung zeigt: Patientinnen reagieren überrascht, weil ihnen der Zusammenhang zwischen dieser unerreichbaren Stelle und ihrer inneren Anspannung bisher nie aufgefallen ist.
Im Schilddrüsenmodul, das immer in Kombination mit dem Herzmodul durchgeführt wird, sprechen wir in Schritt #1 diesen Punkt sanft an: Der Punkt wird im so genannten Feathering kurz behandelt, dann folgt eine Drainage nach unten über die Nierenregion und in Richtung Axillarlinie. Visualisierend lassen wir dabei schwere Emotionen abfließen, die in der anschließenden Herzbehandlung mittels des 5. Herzpunktes dann direkt über den Magen abfließen und verdaut werden können.
Was bei Siegfried in der Sage zu einer tödlichen Schwachstelle wurde, weil Vertrauen missbraucht wurde, kann in der TFM-Behandlung zu einem Raum werden, in dem sich ein Anvertrauen positiv ausgestaltet und sich verkrustete und lange verborgene Prozesse sanft und im Tempo der Patientin in Gang bringen lassen.
Die eigentliche Lehre, die wir für unsere Arbeit aus der Niebelungen-Sage ziehen können, wäre folglich: Verwundbarkeit ist nicht das Problem, wenn wir die Patientin achtsam behandeln, denn sie legt ihre Verletzlichkeit in unsere Hände.


